Hier das Rätsel des Tages. Erratet Ihr, welches Buch gemeint ist?
(Ihr kennt es und es steht bestimmt irgendwo in Eurem Bücherschrank.)

Buchbesprechung

Von Zentauren und Vampiren

Ein grandioses Werk, das in keinem Haushalt fehlen sollte.

Für den Winterurlaub im sonnigen Süden wählte ich in diesem Jahr ein deutsches Werk als Lesestoff. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, liegt die deutsche Literaturszene darnieder. Neue Ideen kommen entweder gar nicht erst auf – oder verstecken sich hinter einem abstrusen Deutsch, das zwar der gesprochenen Sprache gerecht wird, in gedruckter Form jedoch gequält wirkt, und den Leser mit endlosen Platitüden zuballert. Nachdem ich also auf den Büchertischen nicht fündig wurde durchforstete ich mein eigenes Bücherregal. Tatsächlich fand ich ein dickes Werk, das ich noch nicht zu Ende gelesen hatte. Die Auflage von 1991 versprach darüber hinaus, daß die Ausgabe noch nicht durch die Rechtschreibreform verhunzt war.

Wie bei anderen Werken der modernen deutschen Literatur, fehlt hier ein stringenter Handlungsfaden ebenso, wie Formulierungen in ganzen Sätzen. Jedoch lassen die kurzen, prägnanten, beschreibenden Textpassagen der Phantasie des Lesers genügend Spielraum, um die eigene Vorstellungskraft anzuregen.

Nichtsdestotrotz ist der Einstieg zunächst überaus trocken und sicherlich ein Grund, warum ich dieses Buch bisher nicht zu Ende gelesen hatte.

Die ersten dreizehn Kapitel verteilen sich auf knapp achtzig Seiten und für das vierzehnte und letzte Kapitel haben die ungenannten Autoren sage und schreibe 750 Seiten benötigt. Auch wenn diese überaus originelle Aufteilung kaum dazu beiträgt, die nicht vorhandene Dramaturgie zu verstärken, so hilft es dem interessierten Leser, die ersten, jeweils sehr kurzen, Kapitel, schnell hinter sich zu bringen, um dann endlich in den Hauptteil einzusteigen.

Doch lassen sie mich noch ein paar Sätze zu diesen ersten Kapiteln verlieren:
Schon auf den ersten Seiten prangern die Autoren die grauenhafte Verwendung des Apostrophs im Genitiv an, die mittlerweile unter der Bezeichnung ?Deppenapostroph? flächendeckend in die deutsche Schriftsprache Einzug gehalten hat. Beispiel gefälĺig?
“Elmar’s Brotstube” oder ?Sonntag’s geöffnet?
Der anfangs gewöhnungsbedürftige Imperativ, der von den Autoren als Stilmittel gekonnt eingesetzt wird, findet hier seine Daseinsberechtigung und in mir als Leser nichts anderes als Zustimmung.
Obwohl man über die Aktualität des Werkes als Ganzem geteilter Meinung sein kann, offenbart sich das Alter des Buchs schon auf Seite 65 im Kapitel ‘Hinweise für das Maschinenschreiben.’
Moderne Textverarbeitungssysteme unterliegen kaum noch den Beschränkungen, die man von alten Schreibmaschinen her kennt, und so wird sich der interessierte Leser wohl eher die Ratschläge im darauffolgenden Kapitel mit dem Namen ‘Richtlinien für den Schriftsatz’ zu Herzen nehmen.
Auch wenn der Stil auf diesen ersten Seiten noch etwas holprig ist, so haben sich die Autoren wenigstens bemüht, den Leser mit Andeutungen auf sexuelle Interaktionen bei der Stange zu halten (Textprobe [S. 69]):
»Ja«, sagte er.
Sie rief: »Ich komme.«
Wer Kinder sein eigen nennt, und des öfteren Hausaufgaben korrigieren muß, findet schließlich kurz vor dem Hauptteil auch ein Kapitel mit Korrekturvorschriften, dessen zeitloser Inhalt mit optisch ansprechenden Zeichnungen und handschriftlichen Randbemerkungen aufgepeppt wurde.
Doch nun zum letzten und eigentlichen Kapitel des Buches. Auch wenn jede Seite von Querverweisen nur so strotzt, findet man sich als Leser schnell in der Gedankenwelt der Autoren zurecht. Die häufige Verwendung von in Klammern gesetzten Erläuterungen ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, jedoch kann ich nicht umhin, dem Buch als Ganzem zu bescheinigen, daß ihm eine durchdachte Struktur zugrundegelegt wurde und die Autoren beim Versuch, ihrem Anspruch auf Vollständigkeit gerecht zu werden, mit sehr viel Liebe zum Detail vorgegangen sind. Dies zeigt sich in unauffällig eingestreuten Anspielungen auf große Werke der europäischen Literatur, wie zum Beispiel dem “Shylock” in Shakespeares “Kaufmann von Venedig”, ebenso, wie in der detaillierten Erläuterung wissenschaftlicher Begriffe, die auch ein Laie verstehen kann (Pyrogen = magmatisch entstandenes Gestein).
Die Verwendung der alten deutschen Rechtschreibung in der mir vorliegenden (vergriffenen) Ausgabe empfand ich, als Leser mit humanistischer Schulbildung, sehr beruhigend, da das eigentliche Potential dieses Werks auf der kulturhistorischen Entwicklung der europäischen Geschichte (und ihrer Sprachen) basiert, und nicht zum schwachen ?Potenzial? verkommen ist, dem man mit Viagra auf die Sprünge helfen möchte.
Wie bereits eingangs erwähnt, ist der Spannungsbogen eher flach gestrickt und ich nehme wohl nicht zu viel vorweg, wenn ich an dieser Stelle verrate, daß es einen Mörder und eine Mörderin gibt, die beide bereits auf Seite 487, also ziemlich genau in der Mitte des Buches, entlarvt werden. Um die Leser bei der Stange zu halten, wurden jedoch gegen Ende Figuren aus dem Reich der Fantasy-Literatur eingestreut und man findet sich unerwartet mit Vampiren und Zantauren konfrontiert.
Das Buch endet offen, jedoch nicht ohne uns daran zu erinnern, daß wir Menschen nur ein Stäubchen im Weltall sind; sozusagen eine “Zytode” – ein Protoplasmaklümpchen – in einem unbegreiflichen Universum dessen treibende Kraft der Veränderung immer noch nicht vollständig verstanden wurde: Die Zeit; und so schließt, das Werk mit dem gestotterten Halbsatz: “z.Z., z.Zt. = zur Zeit”

Duden – die deutsche Rechtschreibung
Dudenverlag 20. Auflage 1991
ISBN 3-411-04010-6

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