Im Unalingaland

Posted: 15th November 2006 by mash in allgemein
Tags: , , ,

Im Unalingaland lebten die Lings. Sie waren ein friedliches Voelkechen – aehnlich dem Menschengeschlecht, aber bei weitem nicht so gewalttaetig. Sie lebten in den Waeldern von Unalingaland und ernaehrten sich von dem, was der Wald ihnen gab. Sie jagten manchmal kleine Tiere oder gingen zu den Jagdweiden des angrenzenden Gebiets, das fast ebenso unendliche Weiten bot, wie der Himmel ueber Unalingaland selbst.


Doch die meisten Lings blieben zu Hause in ihren kleinen Doerfern und erzaehlten sich am liebsten Geschichten. Darin waren die Lings hervorragend. Es gab kaum ein Volk, das eine groessere Vielfalt an Erzaehlkunst und Dichtkultur aufzubringen vermochte.
Sie spielten mit Stoeckchen, die sie sich zuwarfen und manchmal, wenn aeltere Lings das Stockspiel spielten, druften auch die Kinder mitspielen. So erkannten die Lings, wenn ein Bursche zum Mann gereift war. Die Beherrschung des Stockspiels hatte vielleicht keine absolute Bedeutung, aber es war ein Kriterium an dem die Reife eines jungen Lings gemessen wurde.

Der Koenig der Lings, den man Sir Weroderwas nannte, hatte fast nur fuer die Pflege des Waldes zu sorgen. Zu verhindern dass versehentlich grosse Teile des Waldes fuer Ling-Siedlungen gerodet wurden einerseits und andererseits oblag es seiner Verantwortung, dass keine Geschichte der Lings in Vergessenheit geriet. Das Vergessen war der groesste Feind der Lings. Manche behaupteten, schon eine einzige verlorene Geschichte koenne die Existenz von Unalingaland bedrohen.
Die Lings aber waren so friedlich, dass ihnen jede Aufregung fast fremd war und sie verdraengten den Gedanken an diese Bedrohung.
Doch es kam die Zeit, da musste der besorgte Sir Weroderwas von seinem Wesir vernehmen, dass die Lings schon so viele Geschichten erzaehlt haetten, dass bald alle nur noch damit beschaeftigt waren, die alten Geschichten wiederzugeben.
Dies bereitete dem Koenig nun grosse Sorge. Denn wuerde auch nur eine Geschichte vergessen werden, drohte das unweigerliche Ende. Was aber, wenn keine neuen Geschichten mehr erfunden wurden? Darueber hatte noch niemand nachgedacht.
Der Koenig beauftragte umgehend seine Berater, sich des Problems anzunehmen.
Waehrend dieser Zeit ahnten die Lings noch nicht, welches Unheil sich ueber ihnen zusammenbraute. Die Alten erzehlten den Jungen die alten Geschichten, und wenn die Jungen das Stockspiel beherrschten durften sie eigene Geschichten erfinden.
Die Berater indes kamen zu dem Schluss, dass man ein Ueberwachungssystem benoetige das automatisiert die Geschichten zaehlt und das man wie ein Orakel befragen konnte, welche Geschichte zu selten erzaehlt wurden und ob es neue Geschichte gab.
Dem Koenig misfiel die Automation zunaechst, hatte er doch bislang Zaehler-Lings beauftragt, die notwendige Kontrolle im Wald aufrecht zu erhalten, damit keine Geschichte verlorengeht. Andererseits wuerden diese Zehler jetzt gebraucht, um selbst neue Geschichten zu erfinden und alte am Leben zu erhalten.
Die Berater erklaerten dem Koenig, dass dies fuer die Zaehler-Lings eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe sei um Unalingaland zu retten.
Sir Weroderwas begann umgehend damit, in allen Doerfern des gesamten Landes Tafeln mit Zaehlautomaten aufstellen zu lassen.
Dort wurde protokolliert und summiert, wer wem welche Geschichte erzaehlt hat.
Einige Lings waren zunaechst befremdet und konnten mit dem Uebermass an Information nicht viel anfangen. Sie beobachteten den Aufbau der Tafeln, der drei Tage dauerte, sehr skeptisch. Andere hingegen argumentierten, dass man ja auch ablesen koenne, wer die meisten Geschichten erzaehlt, und wer die meisten Zuhoerer hat.
“Aha”, daemmerte es einem skeptischen Ling namens Verzapfwas, der zu allem ueberfluss auch noch ein Betriebswirt war, “ein Multiplikator – sozusagen.”
“Genau”, man sieht die Multiplikatoren auf einen Blick, erklaerte der andere Ling namens Blahfaswas.
Und die Lings standen in ihren Doerfern und vor ihren Huetten, spielten geistesabwesend das Stoeckchenspiel und und unterhielten sich ueber den Nutzen dieser Zaehlungen. Der Koenig, der sich nicht traute seinem Volk die volle Wahrheit zu sagen, sah nun die Gefahr schwinden, dass es keine neuen Geschichten mehr gaebe. Allerorten tauchten neue Geschichten auf, die sich mit den Zaehltafeln beschaeftigte. Sir Weroderwas strich sich zufrieden durch den Bart, als die grosse Zaehltafel vor seinem Schloss eingeschaltet wurde.

Doch dann ging ein Raunen durch die Menge, als die Lings im ganzen Land beim Einschalten der Zaehltafeln feststellten, dass all die alten Geschichten kurz davor standen, vergessen zu werden und sich fast alle Erzaehlungen im Land nur noch um die Zaehltafeln drehten. Es war kein Schock, sondern nur ein Raunen, weil die Lings ein klitzekleinwenig Eitel waren. Und die Zaehltafeln zeigten das Antlitz der Top-Multiplikatoren. Dies waren meist diejenigen, die von den Zaehltafeln erzaehlten und manch ein Ling fand sich auf der Zaehltafel wieder, nur weil es schaffte einem der Top-Multiplikatoren nahe zu kommen – mit dem Stoeckchenspiel beispielsweise.

Die Lings waren ein sehr, sehr friedliches Volk. Angesichts des drohenden Untergangs waere in jedem anderen Land die blanke Panik ausgebrochen – vielleicht waere Sir Weroderwas gar gestuerzt worden.
Aber die Lings blieben ruhig. Einige besannen sich der alten Geschichten und erzaehlten sie den Kindern aufs Neue. Doch wie ein Parasit waren da nun die vielen neuen Geschichten von den Zaehltafeln, die auch weitererzaehlt werden mussten.

Als die ersten Geschichten vergessen wurden merkten es die Lings nicht einmal. Nur der Koenig feuerte einen seiner Berater, weil der ihm zu spaet Mitteilung gemacht hatte.
Den Rest kennt Ihr ja alle schon. Die Welt ist nicht untergegangen und die Lings leben immer noch friedlich in den endlosen Waeldern von Unalingaland. Sie erzaehlen sich immer noch schoene und gute Geschichten, wenn auch nicht mehr ganz so schoene wie frueher. Denn viele sind in Vergessenheit geraten.
Aber eines wird wohl immer bleiben. Dass sich die Lings abends nach getaner Arbeit auf dem Platz im Dorf versammeln, gespannt darauf wartend ob es unter den Top-Multiplikatoren Veraenderungen gegeben hat und dann diskutieren sie ueber die Zaehltafeln und manche spielen auch noch das alte Stoeckchenspiel.

Gute Nacht
-m*sh- [sarkasmus inside]

  1. Frieling says:

    Sir Weroderwas lehnte sich erst völlig zufrieden zurück, als Prinz Heuschreck kam und das Unalingaland für eine Phantastillion kaufte. Auch die wiederkäuenden Lings freuten sich über den Wechsel im Herrschaftshaus und hofften, auf noch mehr Impulse für ihre sich stets wiederholenden Geschichten …

    Häuptling Sha-Mash, Du bist ein herrlicher Erzähler!

    Rupi

  2. Deleted says:

    Herrlich, wenn ich auch zwischendurch etwas kräftiger Überlegen musste um das Äquivalent zu finden, aber ich behaupte mal, dass du genau das bezwecken wolltest!

    *stubbs*

  3. sha-mash says:

    Es gibt fuer jede Analogie mehrere Aequivalente. Auch wenn die grundlegende Aussage vermutlich hier den meisten Mitbloggern zumindest offensichtlich erscheinen duerfte.
    -m*sh-

  4. orphelins says:

    Wunderbar beobachtet, so ist´s in Bloglanden.

    • sha-mash says:

      Ja, so ist das. Doch vielleicht besinnen sich die Lings ja auch – nun nachdem das Bedrohungsszenarium des Vergessens, als unbegruendet entlarvt wurde – auf ihre alte Kultur und erzaehlen wieder schoene und wunderbar Geschichten.
      Sie duerfen auch gerne verspielt sein (einerseits die Geschichten und andererseits die Lings mit ihrem Stoeckchenspiel).
      -m*sh-

  5. Hmm, Hmm.Gut, gut. Ich les es heut abend den Kindern als Gute-Nacht-Geschichte vor.

  6. Moment…das war doch kein Wink mit dem Zaunpfahl, oder? Eine Freundin hat mich um ein Lied zum Thema Sex gebeten, und für meine Freunde mach ich (fast) alles. Es ist ja dann sogar ein anti sexistisches Lied geworden.
    Tritt ein und geb mir ein Thema, ich schreib dir auch was Schönes!

    • sha-mash says:

      Ich weiss ja nict, was Du Deinen Kindern so vorliest…

      …und der Ling spreizte die Schenkel seiner kleinen Lingfrau und dachte, ‘sie koennte sich auch mal wieder rasieren’.
      🙂

      Wie waere es mit einem Lied ueber Pizza?
      -m*sh-

  7. Sowas vielleicht, wenn die Kids größer sind.
    Lied über Pizza überleg ich mir, momento…

  8. Ja so wirds wohl sein
    Wie, nur ein Spaß, jetzt ist die Pizza fertig!

  9. deleted user says:

    Gibt es dafür eine Quellenangabe bzw. einen Ling?
    Super gemacht!

  10. sha-mash says:

    Quellenangabe? Klar doch: http://sha-mash.blog.de/2006/11/15/im_unalingaland~1334710
    🙂 sorry couldn’t resist

    Im Ernst. Hatte die Idee gestern beim Abendessen und weil ich danach noch etwas vor hatte, gab ich mir eine halbe Stunde, um den Text zu schreiben – 28 Minuten.
    Schoene Schreibuebung.

    -m*sh-

  11. So ist das! :yes:

    …nach meinem Äquivalent such’ ich mal besser nicht. 😉

  12. Dee says:

    Einfach genial…!

  13. nice work, leider zu spät entdeckt…