… eigentlich wollte ich heute echt mal so richtig ernsthafte Themen angehen, also bspw. die psychosoziale Komponente in Friedrich Nietzsches “Umwertung der Werte”. Das hat mich als Jugendlicher total beeindruckt – obwohl ich es verstanden habe.
Das Problem ist, dass ich von Nietzsche immer gleich zu Schopenhauer – oder schlimmer noch: Kant – komme. Argumentativ zumindest.

Nietzsche ist fuer mich sozusagen der Lieblingsonkel in der Verwandschaft, den man versteht und der eine nachvollziehbare Ethik entwickelt, mit der man aufwachsen und umgehen kann. Schopenhauer eher der vergeistigte, aber manchmal erstaunlich weise Weise. Der Bruder des Grossvaters, den man allzu oft vergisst – und auch nicht immer so genau weiss ‘lebt der eigentlich noch?’
Vielleicht ist Schopenhauer nicht ganz so humanistisch wie Albert Schweizer, aber im Ansatz recht brauchbar. Nur beschraenkt sich sein Nihilismus auf den Bereich der Aesthetik und der Kunst, die ja bekanntermassen schon immer zu Familienzwistigkeiten gefuehrt haben. Vor allem mit Kant dem Pedant.

Kant ist auch so eine Art Onkel, den man nicht wirklich mag. Und zwar weil er immer recht hat.
Gegen den komme ich weder intellektuell noch didaktisch an. Das brauch’ ich gar nicht erst ausprobieren, das weiss ich ‘a priori’. Seine Ethik ist in Stein gemeisselt. Dagegen sind die Petroglyphen des Alten Testaments nur hohle Phrasen, die jemand aus den hohlen Steintafeln fraeste. Und auch der Liblingsonkel (Nietzsche) waehlt lieber den Freitod, als sich mit Gevatter Kant die Kante zu geben und anschliesend zugeben zu muesen, dass er hier seinen Meister gefunden hat.
Und weil ich an dieser Stelle jedes Mal aufhoere will ich mich diesem Naturgesetz auch dieses Mal beugen und wie eingangs erwaehnt lieber was eigenes, ernsthaftes, philosophisches Bloggen.

“Aua!!, hoere ich da schon die Ersten von Euch rufen, “Kann man ueberhaupt philosophisch Bloggen?”

Man kann, und ich werde das im folgenden auch begruenden. Denn immerhin ist der erkenntnistheoretische Aspekt des Bloggens nicht unaehnlich dem Ansatz der Naturwisenschaften, den schon Capra in seinen Werken gewuerdigt hat: die Quantenphysik zerstoert das Weltbild der Wissenschaft, nach der eine objektive Beobachtung sowohl Ziel als auch Ursache jedweder Beschreibung in der Natur seien. Okay, er war nicht der erste, dem das auffiel. Schon die Kopenhagener Konferenz 1927 fuehrte zu eben genau diesem Schluss, aber Capra war der erste, der hier nicht aufhoerte und den lieben Gott einen guten Mann sein liess, sondern er konnektierte einige Synapsen, die er gerade uebrig hatte, bis diese schliesslich den Tellerrand dessen erreichten, was Capra bislang als seine Grosshirnrinde betrachtete [pling-plong] und dann noch ein paar dazu [pling-leucht-blitz] und ploetzlich wurde ihm klar, dass die Wirklichkeit gar nicht von Gott geschaffen war, sondern von Leukipp und Demokrit, die die unbelebte Materie erfunden haben und somit auch fuer alle Materialfehler in Notebookakkus verantwortlich sind.
Aber Material ist nicht nur unbeliebt, sondern auch ‘nicht unbelebt’!
Die Unterscheidung in Materie und Geist, belebt und unbelebt ist laut Capra ein Irrtum. Die dualistische Weltanschauung, die sich ueberall, wo es uns gar nicht passt, manifestiert, ist ein fieses Trugbild. Ein hinterhaeltiger Trugschluss, der den nach Wahr- und Weisheit strebenden Philosoph (sic!) in die Irre fuehrt (bei Nietzsche hat das auch funktioniert, aber der hat ja vor Capra gelebt).

Ebenso ist die Unterscheidung der Welt in das Seiende und den Beobachter/Blogger falsch:

Denn, indem der Blogger seine Gedanken (also die Reflektion seiner erfahrenen Wirklichkeit) aufschreibt, unterbreitet er dem Blog-Leser unter Umstaenden neue Aspekte der ihn umgebenden Welt; mithin beteiligt er sich an der Ausgestaltung der Welt des Beobachters.
Und hier greift die Bloggsbergsche Unschaerferelation: Die Beobachtung veraendert nicht nur das beobachtete Objekt, sondern ebenso das beobachtende Subjekt und den umgebenden Gesamtkontext.
Was aber wuerde mit der Wirklichkeit passieren, wenn der Beobachter aufhoert zu beobachten – der Blogger keine Eintraege mehr liefert?

Liefert der Blogger keine Eintraege an den Leser, so entsteht ein Paradoxon: ein greifbares NICHTS, das sich sowohl im FEHLEN manifestiert, asl auch in der Erwartung des Lesers. Auch wenn wir glauben, dass wir das NICHTS nicht Wahrnehmen koennen, gewinnt ploetzlich das Aussetzen der Beobachtung an Bedeutung und Substanz und wird ein Teil der Wirklichkeit.
Das NICHTS gestaltet also die erfahrbare Realitaet mit obwohl es nicht greifbar ist und wenn es greifbar wird hat es sich in einen Teil der Wirklichkeit verwandelt, den man mit Begriffen umschreiben kann.

Neben der Bloggsbergschen Unschaerferelation ist jedoch auch das Bloggsche Wirkungsquantum ein nicht zu vernachlaessigender Faktor: Es gibt immer einen Initialblog auf den die Kommentare folgen. Diese sind gequantelt. Es gibt keine halben oder zweidrittel-Kommentare (auch wenn manche Kommentare keinen Gehalt haben). Somit ist die Energiebilanz eines Blogs immer ganzzahlig.
Mit diesen beiden Einschraenkungen wird klar, dass es nicht moeglich ist ueber ‘natuerliche Aspekte’ zu bloggen und dabei eine echte Wirklichkeit zu beschreiben, da in der Natur Ganzzahligkeit die Ausnahme darstellt. Bloggen als reine Beobachtungsform ist insofern also eher mit den Modellen zu vergleichen, die wir benutzen um bspw. Zusammenhaenge in der Teilchenphysik zu beschreiben.
Diese beschreiben nicht die Wirklichkeit, stellen aber adaequate und nachpruefbare Hilfsmittel bereit, mit der Wirklichkeit zu interagieren.
Ein Blog jedoch, das sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt, also die Wirklichkeit beobachtet und beschreibt fuehrt zu einem Paradoxon. Denn wenn das Blog ein Teil der Wirklichkeit ist, und diese mithin veraendert, distanziert es sich gleichsam davon und leugnet den allumfassenden Charakter des zu Beschreibenden.

Der Philosoph Karl Friedrich v. Weizsaecker hat schon 1971 in einem Buch “Die Einheit der Natur” die grundlegende Frage aufgeworfen, wie wir ueber die Einheit der Natur nachdenken koennen, wenn wir doch als Lebewesen selbst ein Teil der uns umgebenden Natur (und Wirklichkeit sind). Schon die Fragestellung beinhaltet also einen Widerspruch, der uns verraet, dass die Antwort (egal zu welchem Schluss wir gelangen) nur eine Chimaere ist; egal welche logischen Wege wir dabei einschlagen.

Ich bin davon Ueberzeugt, dass es keine letzte Wirklichkeit gibt, die wir tatsaechlich erfahren oder erkennen koennen und unsere Versuche, eine solche zu beschreiben, sind zum Scheitern verurteilt.
Nichtsdestotrotz unternimmt der Blogger den Versuch, seine subjektiv erfahrene Wirklichkeit zu beschreiben und er gestaltet auch die Wirklichkeit mit, indem er sie beschreibt. Letztlich ist er jedoch nicht in der Lage, diese Realitaet in toto zu erfahren und zu erkennen. Es ist also kein kybernetischer Regelkreis, der zu einem Ziel hin konvergiert, denn letzteres wuerde bedeuten, dass die beschreibende Kommunikation ueber einen Rueckkopplungseffekt sich dem zu beschreibenden Objekt annaehert und dieses (weil es durch die Beobachtung veraendert wird) in seiner Manifestation zu dieser Beschreibung hin konvergiert.

Womit gezeigt waere, dass das Schlagwort von der Kybernetik 2. Ordnung (mit der das Bloggen oftmals apostrophiert wird) nur heisse Luft ist.

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-m*sh-

  1. Hervorragender Eintrag!

    Diese beschreiben nicht die Wirklichkeit, stellen aber adaequate und nachpruefbare Hilfsmittel bereit, mit der Wirklichkeit zu interagieren.

    Ist ja nicht nur philosophisch nachzuweisen, sondern auch literatur- und medienwissenschaftlich. Da muss man nicht erst diesen Vollidioten Marshall McLuhan mit “the medium is the message” bemühen. Hat jener doch im wesentlichen nur gehaltloses Geschwafel produziert. Da reicht es auch schon, auf Intertextualität zu verweisen. Und sich klarzumachen, dass Text zwar auf außertextliche Realität verweisen kann, diese aber natürlich nie 1:1 abbilden kann – das liegt ja in der Natur eines verwendeten Mediums. Ein Medium funktioniert nun mal nach anderen Regeln, als die Realität, auf die durch es ggf. verwiesen wird. Und dann wäre da natürlich noch die Diskursivität (Foucault). Was letztlich in etwa auf das hinausläuft, was in Deinem Beitrag unter “…mit der Wirklichkeit interagieren.” differenziert entwickelt wird. Wenn ich das alles noch präsenter hätte, könnte ich das noch weiter auswalzen. Hab ich aber leider nicht, daher an dieser Stelle nur so’n paar oberflächliche Bemerkungen dazu.

    Kurz gesagt: Find ich spannend, wie man über Philosophie und Literatur/Medienwissenschaft zu vergleichbaren Ergebnissen kommt.

  2. sha-mash says:

    Kurz gesagt: Find ich spannend, wie man über Philosophie und Literatur/Medienwissenschaft zu vergleichbaren Ergebnissen kommt.

    Ich finde es interessant, dass man von Elementarteilchenphysik auf Erkenntnistheorie und Philosophie und auch auf die Darstellung und die erfahrbarkeit der Welt kommt. Und der versuch eine lette Wirklichkeit zu beschreiben kommt dann schon wieder nahe an die Religon ran. Weil man nicht absolut ueber die Realitaet nachdenken kann, begibt man sich auf das Feld des Glaubens.
    -m*sh-