Günter Wallraff ist mal wieder als Undercover-Agent unterwegs. Dieses mal in Call-Cantern, die er Bergwerke der Neuzeit nennt.

Wie die armen Menschen, die dort arbeiten, ausgebeutet werden und mit welchen teilweise illegalen Methoden die Menschen am Telephon über den Tisch gezogen werden beschreibt er in einem längeren Artikel für die “ZEIT”.

Doch auch auf der anderen Seite regt sich etwas: der Spiegel hat zu dem Thema ein Forum eingerichtet und die Bürger sind massiv genervt von sog. Cold-Calls, also unverlangten Werbe-Anrufen, die übrigens sogar verboten sind.

Aus meiner Sicht erfüllt dieses Vorgehen der Callcenter den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs und der Körperverletzung.

Man stelle sich vor jemand arbeitet im Nachtdienst und schläft in der Regel bis 14:00 Uhr oder länger. Alle Freunde, Bekannten und Institutionen, wissen, dass Anrufe vor 15:00 Uhr Telefonanrufe hoechst unerwuenscht sind – ausser den Callcenter-Mitarbeitern, deren Arbeitstag um 8:00 Uhr beginnt. Wenn man um 7:45 ins Bett geht und dann um 8:10, 9:45 und 10:15 das Telefon klingelt und jedesmal ein daemlicher Arsch dran ist den man nicht kennt, von dem man nichts will (schon gar kein Handy oder anderen Scheissdreck in der Art) dann ist das de facto Koerperverletzung.

Natürlich ist man nach einer harten Nacht am Fliessband oder auf der Intensivstation nicht in der Lage, mit diesen Menschen zu kommunizieren. Sonst koennte man zum Schein alles kaufen, was angeboten wird, um dann (sobald der Urheber des Anrufs mit ladungsfaehiger Adresse ausgemacht werden konnte) Anzeige wegen Koerperverletzung zu erstatten – und selbstverstaendlich vom Kauf zurueckzutreten.

Cold Calls sind schlimmer als SPAM und die angebliche Terrorgefahr. Schlafentzug ist Folter und dies ist echter Terror, gegen den niemand etwas unternimmt. Den fiktiven Terror vor dem unser paranoider Innenminister immer wieder warnt, nimmt man hingegen nicht als Bedrohung wahr, da er nicht in den eigenen vier Wänden stattfindet.

Einige simple Lösungen, wie “Stecker ziehen” sind in einem Mehrpersonenhaushalt nicht unbedingt eine praktikable Lösung, da dann auch andere Personen nicht mehr ‘raustelefonieren’ können.

Auch die Unterhaltung, die das Gegenskript bietet, hat unsere Kinder nur eine kurze Zeit lang erheitert. Geblieben ist nur der Stress, den diese Terroristen auf die Bevölkerung ausüben.

Warum regt sich in der Politik nichts? Warum muss ein Callcenterbetreiber nicht ebenso hohe Auflagen erfüllen, wie bspw. ein Hersteller von Schusswaffen. Warum werden die nicht täglich auf’s Neue kontrolliert, damit sie wirklich nur bei Menschen anrufen, die ihre Einwilligung zu diesem Telefonterror gegeben haben?

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-m*sh- [Hass inside]

  1. Trithemius says:

    Es geht ja auch hier um Arbeitsplätze, deren Ausrichtung, Qualität und Bezahlung vielen Politikern offenbar egal ist, wenn sie nur die Arbeitslosenstatistik schönen können.

    • sha-mash says:

      Ja, aber mehr als eine Schönung der Statistik ist es nicht. Denn das sind keine Arbeitsplaetze sondern Sklavenhaltung. Nicht nur in dem Artikel von Wallraff wird das klar, sondern auch im Spiegel-Forum, wo sich auch Angestellte von Call-Centern zu den Arbeitsbedingungen geäussert haben.

      Pervers, dass auf der einen Seite um Mindestlöhne diskutiert wird und derartige Arbeitsbedingungen kaum thematisiert werden. Aber hier pennen halt auch mal wieder die Gewerkschaften.
      -m*sh-

  2. Ich hab vor Jahren mal Telefonaquise gemacht, schrecklich. Thermobindegeräte angepriesen. Mich gewundert, warum mich nie jemand durch die Leitung gezogen hat?!
    Damals war das aber nicht so extrem wie heute. Ein Bekannter von mir (selbstständig)ist irgendwann mal in deren Mühlen geraten, fürchterlich. Da geht das Telefon den ganzen Tag. Gehört echt verboten (so ein Quatsch, ist es ja schon, hilft aber nicht)

    • sha-mash says:

      Wobei du sicherlich keine Thermobindegeraete an Privathaushalte verkaufen wolltest. Ich mein’, wer braucht so was schon? Ich weiss nicht mal was das ist.
      Und zu normalen Arbeitszeiten bei einem Unternehmen anzurufen und denen die Zeit zu stehlen ist zwar Sch***se, aber kein so heftiger Übergriff, wie ColdCalls bei Privatpersonen…

  3. Frau_Melle says:

    Als netten Nebeneffekt meiner “Nicht-Eintragung” ins Telefonbuch kann ich dann wohl die Ruhe vor diesen unerwünschten Telefonspams verbuchen…
    Passiert mir äußerst selten, und eine Maschine hat mich noch nie angerufen.

    • sha-mash says:

      Wie ich aus eigener Erfahrung (aber auch aus dem Spiegel-Forum und von Freunden) weiss, nuetzt es kaum etwas, nicht im Telefonbuch eingetragen zu sein.
      Es gibt mittlerweile Computer, die alle moeglichen Nummern durchprobieren. Ausserdem steht man ja trotzdem in der Datenbank des Telekom-Providers und wenn die Adresse einmal verkauft ist …
      Trotzdem erfreulich, wenn es Dich nicht so haeufig erwischt.

      -m*sh-

  4. ingalaxis says:

    Also, seitdem es tatsächlich verboten ist, sind mir richtig anstrengende Anrufe nicht mehr aufgefallen… dürfen dann Telefongesellschaften dann auch nicht mehr anrufen? Tele2 & Co wollen uns nämlich immer noch in regelmäßigen Abständen diverse Internet-Pakete andrehen, aber inzwischen bin ich richtig gut und wimmel die in höchstens 30 Sekunden ab…
    Kenne aber auch einige Kommilitoninnen, die als Nebenjob im CallCenter arbeiten – an der Uni hängen auch massig Zettel von denen aus… würd ich nie machen, ich käme mir dabei vor wie das Allerletzte, glaub ich. Fällt bei mir in die gleiche Kategorie wie die schön-neudeutschen “Fundraiser” (oder auch Spendeneintreiber), die hier in HD regelmäßig die Hauptstraße unsicher machen…